Zweite Schicht

Wir haben mit den Vietnamesen die zweite Schicht gemacht. Die ging von 14 bis 22 Uhr. Wir haben immer im Plandefizit gelegen und darum hat man 1987 die Vietnamesen zum Arbeiten rübergeholt. Am Berg lang haben sie gewohnt. Sie hatten keinen weiten Weg nach Hause.

Unser Band hatte ja so und so viele Sitzplätze. Wir hatten Heftmaschinen und Sitzplätze für die Endkontrollen. Da kann man nicht noch fünf Mann rein nehmen. Wo sollen die sitzen? Also blieb ja nur die zweite Schicht übrig. Aber die zweite Schicht haben nur die Vietnamesen gemacht. Unsere Frauen mussten mit den Bussen nach Hause. Und nachmittags vier Uhr fuhr der letzte Bus. Die wären ja abends nicht nach Hause gekommen.

Ich habe auch eine zeitlang die zweite Schicht mitgemacht, weil ich unten am Band die vietnamesischen Frauen betreut habe, Arbeitsabläufe kontrolliert und so. Sie wurden vorwiegend zum Heften oder zum Annähen der Schirmstabspitzen eingesetzt, eher leichte Arbeiten. Die haben gut gearbeitet. Ich selbst hatte Kontakt zu drei Frauen, die uns auch immer mal privat zu Hause besucht haben. Oder sie haben uns in ihren Anbau zum Essen eingeladen und da wurde dann immer aufgetischt. Mit Händen und Füßen hat man sich ganz gut verstanden.

Ich habe in Vietnam an einer Musikhochschule im Hauptfach Klavier und in Nebenfächern Mandoline und Akkordeon studiert und bis 1975 in einer Musikredaktion fürs vietnamesische Fernsehen, THVN1, in Saigon-Stadt gearbeitet. Mit der Wiedervereinigung beider vietnamesischer Staaten 1976 musste jeder Mitarbeiter in die Kommunistische Partei eintreten, um weiter arbeiten zu können. Meine Familie ist evangelisch und ich bin nicht in die Partei eingetreten, weißt Du. Ich habe dann meine Arbeit verloren.

So war die Ly eben auch hier. Für ihren Vater, der erblindete. Die Operation konnten sie dort nicht machen. Er kam mit seiner Frau hierher. Da hat Ly sozusagen den Flug, hin- und zurück für beide Elternteile bezahlt, den Krankenhausaufenthalt musste sie bezahlen, die OP musste sie auch bezahlen. Sie hat nur für ihre Eltern, für ihr Zuhause gearbeitet. Sie selber hatte nichts davon.

Ich erhielt 1988 ein Angebot, in der DDR arbeiten zu können. Ich war 28 Jahre und wollte auch meine Familie unterstützen. Meine Mutter war krank. Vielleicht gab es in der DDR eine Möglichkeit meine Mutter zu behandeln. Ich wusste, dass man dort besser verdient und die Lebensqualität besser ist. Dann habe ich einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben. Ich wusste nicht, wohin ich komme und was ich machen werde.

Sie sind nicht auf uns vorbereitet wurden und wir nicht auf sie.

Sie sind belogen wurden. Sie dachten, dass sie in die Stadt kommen würden. Aber kommen sie mal von Saigon auf dieses Kuhdorf. Sie kamen barfuss mit Flipflops und wir haben erstmal unsere Socken ausgezogen, dass sie was an den Füßen hatten.

Wir waren eine Gruppe von 50 Personen und kamen nach Adorf. Wir waren alles Frauen. Nur ein Mann. Er war Dolmetscher. Es war Winter. In Saigon war es zu der Zeit sehr heiß. Wir sind hierher gekommen und da war es kalt und alles war weiß, oben und unten und wir hatten natürlich Heimweh.
Wir sind in einem neuen Wohnheim untergekommen. In jedem Zimmer waren vier Frauen. Die Zimmer waren ca.15m2. Jede von uns hatte ihre Ecke. Wir hatten im Wohnheim eine Küche, Bad und Toiletten. Ich habe gedacht nicht schlecht und war zufrieden.

Sie konnten sich die Schränke dann so stellen, dass sie ihr Bett für sich hatten. Mit Schirmseide haben sie sich eine Art Blickschutz gebaut, damit wenigstens etwas Privatsphäre vorhanden war. Jeder Mensch hatte ja auch Bedürfnisse in den jungen Jahren. Es war schon haarsträubend, wie das hier gelaufen ist. Dann sind auch welche schwanger geworden und das durfte nicht rauskommen. Da mussten wir dann mit raus nach Stollberg, wurde alles heimlich gemacht oder manche wurden auch gleich abgeschoben.

Was sie dann draußen in ihrer Unterkunft gemacht haben, das weiß ich nicht. Wir haben nichts gehört, wir haben uns damit nicht befasst.

Nach einem Monat Deutschkurs habe ich in der Endkontrolle gearbeitet. Ich habe die Schirme kontrolliert, nach 1. und 2.Wahl sortiert. Wir haben in der zweiten Schicht gearbeitet. Es war keine schwere Arbeit und ich habe nicht schlecht verdient. 800 Mark habe ich verdient.

Wir haben dann die Leute bekommen, sie wurden eingeteilt. Ich habe Hefter gekriegt, Endkontrollen und auch eine zum Ringeln. Zwei sprachen Englisch, sonst hätten wir uns überhaupt nicht verständigen können. Es waren die, die wussten worauf es ankommt. Sie haben gut gearbeitet. Gerade die, die mit geringelt hat, My Han. Sie hat locker geschafft, was unsere gemacht haben.

Die Frauen haben alle das Nähen hier gelernt, sie haben alle am Band gearbeitet. Wir hatten ab und zu mal eine Aushilfe bei uns oben, die auch mit ausgepackt hat. Wir sind mit den Frauen gut ins Geschick gekommen.

Die konnten von Anfang an nicht richtig arbeiten. Sie waren es auch nicht gewöhnt. Jetzt mussten sie auch erstmal alles lernen. Zum Durchsehen waren sie hier, zwei waren bei uns oben. Ja nun saßen sie dort und sollten den ganzen Tag sitzen. Das waren hübsche, schlanke Mädels. Nun haben sie ein bisschen Deutsch gelernt und haben auch mit uns gesprochen und so.

Von unserem Verdienst wurden jeden Monat vom Betrieb 20% nach Vietnam abgeführt, 80% konnten wir behalten. Davon haben wir 50 Mark für die Wohnung bezahlt und den Rest konnten wir sparen. Wir haben Sachen gekauft und nach Vietnam geschickt. Dort gab es viele arme Leute.

Die Familien halten zusammen. Wenn eine Familie nicht viel hat, es sind irgendwelche Krankheiten oder so, dann stellen sich die Kinder zur Verfügung, gehen arbeiten und das Geld kommt dann nach Hause. Sie haben ihre Angehörigen unterstützt.

Sie haben hier meistens Mopeds gekauft. Die wurden auseinander genommen und in Kisten nach Vietnam geschickt.

In Deutschland gab es immer nur Wurst, Wiener Wurst. Wir kochen aber immer nur mit Reis, nur Reis.

Sie fanden hier nichts Richtiges zu essen, sie haben dann Hühner in ihrer Unterkunft unterm Stuhl gehalten und auf den Fensterbänken Knoblauch gezüchtet und so ein Zeug.

Sie würden so anders kochen, es würde auch anders riechen und sie würden auch gleich mal ein Huhn schlachten. Wo ich dann dachte, na meine Oma hat auch auf dem Hof gleich mal ein Huhn geschlachtet, was ist da jetzt so Besonderes dran.

Sie sind mit der Situation im Erzgebirge, mit Handel und Versorgung schlecht zu recht gekommen, weil es bei uns gar nicht die richtige Grundlage für ihre Ernährung gab. Eine Betreuerin ist dann zu ihnen gegangen.

Die Leute in Adorf waren sehr gastfreundschaftlich. Wenn ich auf der Straße unterwegs war oder zum Einkaufen, sagten alle immer„Hallo!“. Ein Jahr war ich in Adorf, 1990 bin ich nach Westberlin. Andere Kollegen auch, manche sind zurück nach Vietnam. Es gab keine Arbeit mehr. Die Gastfreundschaft war in der DDR besser, in Westdeutschland ist sie auch gut. Aber es ist kälter.

Man hat sie schon mal gesehen, wenn sie durchs Dorf gelaufen sind oder im Konsum einkaufen waren. Es hieß dann, die „Fidschis“2 sind da. Manche haben sich das in Adorf immer noch nicht abgewöhnt.

Zur Wende, wo das losging, sind die meisten von allein abgehauen. Sie sind nach Westberlin. Manche wollten auch wieder heim, es ist ja nicht so, dass alle gewillt waren, hier zu bleiben.

Dann hieß es, es ist Schluss, obwohl sie einen Fünf-Jahres-Vertrag hatten, um hier zu bleiben. Aber das ging nicht, sie sind ja erst 1987 gekommen, 90 war die Wende und viele sind in den Westen rüber und hatten alle wieder Arbeit. Sonst hätten sie wieder nach Vietnam zurück gemusst.

An dem Tag, wo es hieß in Berlin ist die Mauer gefallen, waren höchstens noch zwei, drei Mann da. Viele sind Richtung Westen zu ihren Familien. Ganz wenige sind wieder zurück nach Hause, wie My Han. Die hatte ein kleines Mädel in Vietnam. Von der weiß ich es.

Ich bin verheiratet, habe Kinder, mittlerweile Enkelkinder. Alle zwei Jahre besuche ich Vietnam. Viele aus meiner Verwandtschaft sind aber schon verstorben und meine Geschwister sind überall auf der Welt, in Amerika, Kanada, Thailand. Aber mir gefällt es in Deutschland besser. Ich mag den Charakter, die Pünktlichkeit, die Disziplin, die Kultur und die Sauberkeit. Ich bin jetzt 63. Ich lebe in Neuhausen/Ba.-Wü. Die Umgebung ist sehr schön. Saigon passt einfach nicht mehr zu mir. Es sind zu viele Leute, zu viel Smog, zu viel Armut.

THVN1
Truyền hình Việt Nam (Fernsehen Vietnam)

Fidschis2
ist ein Wort, das eigentlich die Bewohner der Fidschi-Inseln oder die Sprache Fidschi bezeichnet. Es wird in Ostdeutschland als Schimpfwort oder abfällige Bezeichnung für asiatische und asiatisch aussehende Menschen, insbesondere Vietnamesen, genutzt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Fidschi_(Schimpfwort)

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