Die Wunderkiste

Kiste, Sammlung Munzert

Mein zweiter Termin in Adorf: Herr Rößler stellt einen Karton auf den Tisch – gefüllt mit Werbebroschüren, Brigadetagebücher, Ordner, eine Kiste mit Ersatzteilen, Schirme, Beutel und Stoffreste, zusammengetragen und dem Verein überlassen von Frau Munzert, der ehemaligen Lehrausbilderin des VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt.

Frau Arnold, die gleich im Nachbarhaus wohnt, holt auch ihre Sammlung dazu und führt Schirme vor: da gibt es einen Super, der war der Kleinste und einen Plano mit einer rechteckigen Schirmspitze, welcher am teuersten und 400g schwer war. Die dazugehörigen Futterale sind aus Stoff oder Folie.

Als geldwerte Leistung für Sonderschichten, erzählt Frau Arnold, erhielten die Arbeiterinnen ein Pfund oder ein Kilo Schirmseide, woraus sie Beutel fertigten. Man erkennt diese an den zusammengefügten Dreiecken. Die Näherinnen nähten sie in ihrer Pause, andere gingen in der Mittagszeit in die Lehrwerkstatt, oder sind abends länger dageblieben. 5M kostete einer. Sie wurden privat verkauft oder verschenkt.

Frau Arnold zeigt mir einige aus ihrer Sammlung, darunter einen, den sie für ihren Sohn zum Wandern genäht hat. Jetzt spiele der Enkel damit.
Seit einiger Zeit laufe ich gern über den Chemnitzer Markt – dort entdecke ich manchmal Menschen mit diesen markanten Beuteln. Ich zeige Frau Arnold meine bisher gemachten Fotos. „Jawoll, das ist einer von uns, das ist ein Schirmfabrikbeutel. Der mit den Punkten – die sahen sehr schön aus, die Schirme.“

Zubehörteile
Wundertüte, Sammlung Arnold

Frau Arnold öffnet ihre Wundertüte. Sie zeigt mir einen Schirmbezug für einen Kinderschirm und einen Schirmbezug für einen Super. Sie packt weitere Futterale auf den Tisch und ich entdecke eins, welches das gleiche Muster trägt, wie ein Beutel von mir, der zu Hause liegt. Ich darf es mitnehmen und freu mich über diesen Glücksfall. Vielleicht findet sich irgendwann der dazugehörige Regenschirm.
Frau Arnold demonstriert unterschiedliche Griffe für Stockschirme, zeigt mir Topse mit ihren geprägten Marken: Juwel, Solidor, Sokom aus unterschiedlichen Zeiten. In ihrer Sammlung befinden sich außerdem noch Kordel, Nippel, also Zubehörteile für unterschiedliche Modelle und Größen.
Anhand eines vormals ausgemusterten Bezugsstoffes zeigt sie mir die Krone. Frau Arnold breitet den Stoff auf dem Tisch aus und ich soll die fehlerhaften Stellen bestimmen. Das Muster fügt sich an der Naht nicht akkurat zusammen, ist etwas versetzt. Das wäre der Haken, wenn man es genau nimmt. Ich bin fasziniert von dem Begriff und dem Stoff. Ich mache ein Foto, welches ich später als Titelbild für den Blog wähle. Frau Arnold demonstriert an einem ihrer Schirme, was sie in der Endkontrolle gemacht hat: In einen Blechkasten kamen ca. 15 Schirme. Diese wurden einzeln herausgenommen und geöffnet. Sie kontrollierte, ob das Nahtbild stimmt und ob es Metallschäden gab. Anschließend wurde der Schirm umgedreht, es wurde nach der Krone geschaut und ob der Schirm flach liegt. Ein schlecht genähter Schirm schlägt Wellen. Der Schirm wurde wieder geschlossen und kam in ein Plaste- oder Seidenfutteral. Die Endkontrolle klebte Kontrollnummern darauf, damit nachvollziehbar war, wer es kontrolliert hat. Jetzt weiß ich vielleicht, was die kleinen Aufkleber auf dem von mir Anfang Januar ersteigerten Schirm bedeuten. Ich werde diesen beim nächsten Treffen mitnehmen und mich vergewissern.

Wir unterhalten uns über Frau Arnolds Liste mit Frauen, die Interesse an einer Zusammenarbeit haben. Ich möchte mich gern das nächste Mal mit allen Frauen im Vereinshaus treffen.
Frau Arnold wiederholt, dass es 30 Jahre her ist und erstmal alles weg war, bis ich aufgetaucht bin und danach gefragt habe.

Zum Abschied schenkt sie mir einen ihrer großen doppelt genähten Beutel. 15 Flaschen Bier sollen da hinein passen! Darin trage ich das Anschauungsmaterial von Frau Munzert nach Hause.

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