Goldstaub

Biete einen neuwertigen Regenschirm der Marke “ Saxon “ aus DDR-Zeit in einem sehr guten Zustand. Keine Löcher, Risse, verbogene Speichen oä. Der Schirm ist 32 cm lang und wird mit Schutzhülle verkauft.
[https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/regenschirm-ddr-marke-saxon/1913052526-156-2315, 26.10.2021]

Ich habe mich schon gewundert, dass keine Fragen mehr bei den vielen Anhängen auftauchen, die ich Ihnen geschickt habe, beginnt Herr Strangfeld das Gespräch.
Als ich 1981 als Konstrukteur in Siegmar begann, habe ich sofort gespürt, dass sich in der Schirmfabrik niemand für Veränderungen interessiert.
An den Schirm selbst haben sie mich nicht rangelassen. Ich musste als erstes das machen, was lange in der Schublade lag. Die Schirmstöcke zum Beispiel mussten abgesägt und entgradet werden. Dafür habe ich eine mechanische Entgradmaschine entwickelt. Eine andere Arbeit war ein so genanntes Einheitsraster. Dieses sollte für jeden Schirmtyp einsetzbar sein. Auf meine Initiative hin ist das entwickelt wurden. Es ging aber alles sehr schleppend und wurde nicht gerade enthusiastisch aufgenommen.
Ein anderer Vorschlag von mir war die Einführung eines Warenkennzeichens. 1978 wurde die Schirmfabrik dem Kombinat Solidor in Heiligenstadt untergliedert. Alle Produkte mussten fortan unter dem Markenzeichen „Solidor“/ “SO“ geführt werden. Mir missfiel das Logo, aber das durfte nicht angesprochen werden. Niemand durfte ausscheren und einen Sonderweg gehen. Ab 1.1.1987 war ich offiziell Leiter für Erzeugnisentwicklung und Schutzrechte. Dadurch hatte ich immer mehr Kontakt zum Kombinat und dessen stellvertretenden Generaldirektor. Ich war kein Genosse und hatte auch keine Angst meinen Job zu verlieren. So konnte ich ab und zu mal sticheln. Meiner Sturheit ist es zu verdanken, dass ich dann zusammen mit dem Gebrauchsgrafiker Hans Detlefsen dem Kombinat 1987/88 einen Vorschlag für eine eigenständige Marke unterbreiten konnte.

Der Begriff „Saxon“ kam von mir. Ich wusste von einer Gemeinde in der Schweiz, die Saxon heißt. Aber mein Vorschlag ist abgewandelt von Saxonia. Es sollte ein kurzer Name sein, der gut anwendbar ist. Schließlich sollte dieser auf Topse und Schirmgriffe geprägt werden. Der Name wurde vom Patentamt geprüft. Es gab keine Einwände. Das Warenzeichen in Form eines Schirmes mit Schriftzug gestaltete Herr Detlefsen.

Ich habe gleichzeitig angefangen, den Schirmen Namen zu geben. Nicht wie bis dahin üblich eine Kurzbezeichnung wie z.B.: DTS22A, was bedeutet hat: Damentaschenschirm, im geschlossenem Zustand 22cm lang mit Automatik.
Herr Strangfeld legt einen Schirm auf den Tisch. Dieser heißt bouncer, Prachtstück. Weitere Namen für Schirme waren: avance, action, topas, apart, opal, rubin, smaragd, perfekt und für Kinderschirme tini und tina.

 „Die Kommission zur Begutachtung von Warenzeichen beim Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR spricht von einer „originellen, sicherlich merkfähigen Warenkennzeichnung.“ Der Begriff „saxon“ sei klangvoll und eingängig, meide aber alle Bezüge zum Produkt. Dies wird durch das Bildmotiv hervorgehoben. Die verschiedenen sinnlichen Wahrnehmungen geben dem Zeichen seine inhaltliche Geschlossenheit und die Grundlage für komplexes Erfassen der Information. […] In der Schirmbranche ist es bei den Markenherstellern üblich zur eigentlichen Marke weitere Kennzeichnungen einzusetzen. Diesem Trend entsprechend setzen wir zur Produktrepräsentation außer unserem Warenkennzeichen „saxon“ auch noch für jeden Schirmtyp einen speziellen Namen ein.“
[Unterlagen Herr Strangfeld]

Unsere Schirme waren umständlich, nur will das bloß heute keiner mehr wahrhaben, erzählt Herr Strangfeld. Die hatten alle ein kleines Dach, dass will heute auch keiner mehr wahrhaben. Also im Verhältnis zu dem was es jetzt gibt. Wir mussten mal einen Damenstockschirm in der unteren Preisklasse herstellen. Heute würde man das gerade mal als Kinderschirm durchgehen lassen. Die Schirme waren schwer. Wir hatten Probleme mit dem Material. Es gab Probleme beim Vernickeln, was zu Roststellen führte. Um Kosten zu sparen, sollten später die Schirme von acht- auf siebenteilig umgestellt werden.
Ich entgegne ihm, dass ich das Gefühl hatte, dass die Wahrnehmung meiner Gesprächspartnerinnen auf die Schirme eine andere ist. Herr Strangfeld betont, dass die Frauen in der Produktion richtig hart arbeiten mussten. Ich erzähle von den Sonderschichten und den Teilen, die die Frauen als geldwerte Leistung erhalten haben. Das war alles Goldstaub, erzählt Strangfeld. Die Bänder zum Beispiel, die vom Abschweißen mit der Kantenschweißmaschine übrig blieben, hat man in Papiersäcken gesammelt und stückweise für 5M an Interessenten wie mich verkauft. Ich habe noch jede Menge solche Schirmbänder. Die sind ideal für den Garten.


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