Ich bin nie in Lohme gewesen

Oben auf der Insel Rügen hat die Werksleitung eine alte Scheune gekauft. Diese wurde abgerissen und darauf ein neues Gebäude errichtet. Dort konnten wir Urlaub machen. Es wurde einiges getan, dass man günstig verreisen konnte. Das haben viele in Anspruch genommen. Nicht mehr zu vergleichen mit heute. Das Soziale war gut. Wir hatten Vollverpflegung. Das Mittagessen wurde sogar bis an den Strand gefahren. Da hatten die am Waldrand so Tische und Bänke gezimmert. Wir sind aus dem Wasser raus, über die Düne und zum Mittagessen.

Die Mahlzeiten haben wir im benachbarten Paul Ehrlich Ferienheim eingenommen. Aber bei schönem Wetter waren ja alle am Strand. Der war 10km von unserer Unterkunft entfernt. In der Saison gab es einen Fahrer, der hat das Mittagessen mit einem B10001 zum Strand gefahren.

Der Betrieb hatte Ferienplätze, die haben aber nicht ausgereicht. Mein Mann war damals Leiter Hauptmechanik und Investition und von 1971 bis 1973 verantwortlich für den Bau des neuen Gebäudes in Lohme, welches nach den Grundmauern des alten Gebäudes errichtet wurde.

Es gab verschiedene FDGB-Plätze2. In Zernsdorf bei Berlin zum Beispiel standen zwei Wohnwagen, ausgebaute Eisenbahnwaggons mit Doppelstockbetten an den Enden und in der Mitte eine kleine Küche. Wir haben die Kinder dort immer in einer Schüssel gewaschen. Es gab auch ein Kinderferienlager. Das war in Schwarzbach, Thüringen. In Lohme hatten wir ein richtiges Ferienheim. Aber da waren wir nie. Wir hatten Verwandte an der Ostsee und da haben wir anderen den Vortritt gelassen.

In den letzten Jahren wurden Ferienplätze seitens der Schirmfabrik immer mehr ausgebaut. Wir nutzten auch mal den Klappfix3 in Nipmerow an der Ostsee. Das haben wir schon gemacht.

Du hast Betriebsferienplätze gehabt. Wir hatten oben in Lohme an der Ostsee ein Ferienhaus. Das wurde ganz neu gebaut damals. Na klar wollten alle hinfahren. Ich habe zu meinem Mann gesagt, wenn die Kleine nicht mit will, bleibt sie bei der Oma. Dann fahren wir im Mai/ Juni. Da habe ich immer einen Platz gekriegt. Es war zwar kein Badewetter, aber die Ostsee war einfach nur schön. Wir hatten Vollverpflegung. Das war klasse.

Eine Kollegin und ich wurden nach Lohme zum Arbeiten geschickt. Es gab dort ein Ferienhotel für die Schirmfabrik. Wir haben drei Monate als Bedienung, im Service gearbeitet. Aber für mich war das kein Problem, es war keine schwere Arbeit und wir bekamen auch Trinkgeld. Wir waren am Meer, konnten in der Freizeit schwimmen. Am Abend gab es Veranstaltungen mit Tanz und ich konnte auch mal Klavier spielen. Es war wie Urlaub für mich.

Die zwölf Zimmer des zweigeschossigen Gebäudes waren mit jeweils zwei Betten, einem Waschbecken und einem Schrank ausgestattet. Auf dem Gang befanden sich Duschen und Toiletten für Frauen und für Männer. Wir hatten auf dem Gelände aber noch ein Gebäude,  das als Klubraum zum Beispiel für Tanzveranstaltungen genutzt wurde.

Zweimal im Jahr war mein Mann mit einer Reparaturtruppe, mit Malern und Klempnern aus der Schirmfabrik oben, um das Ferienhaus und die zwei Wagen, welche auf dem nahe gelegenen Waldcampingplatz in Nipmerow standen, zu warten. Es ging um Werterhaltung.

1975 war ich das erste Mal in Lohme. Wir konnten aller zwei Jahre hinfahren. Zigmal haben wir dort Urlaub gemacht, ohne dass ich die Räume fotografiert habe. Vor drei Jahren war ich aber noch mal oben. Und da dachte ich, gehst du mal auf das Gelände. Der Zaun ist noch derselbe. Die Schlosserei Müller aus Siegmar hat diesen damals gebaut und den gleichen habe ich vor meinem Haus. Na ja – jedenfalls ging die Gartentür auf, die Haustür ging auch auf und so konnte ich Innenaufnahmen vom Eingangsbereich, Treppenhaus und Geländer machen.

In der Wendezeit hat sich mein Mann noch um die ganze Abwicklung gekümmert. Es musste ja alles verkauft werden. Ich war damals schon arbeitslos und bin mitgefahren. Der Hauptbuchhalter Schröder war auch mit dabei. Da kam ein Mann, Mitte 30, der das Paul Ehrlich Ferienheim erworben hatte und dem Betten fehlten. Die Küchenleute und alle hatten hier ja noch Arbeit und so konnten wenigstens Arbeitsplätze erhalten werden. Da setzte sich mein Mann bei der Treuhand für ihn ein. Das Betriebsferienheim des VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt heißt heute Haus Harzendorf. Der jetzige Besitzer hat es nach meinem Mann umbenannt. Die Zimmer werden weiterhin an Urlauber vermietet.

1 B1000 – Kleintransporter
2 FDGB – Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
3 Der Klappfix, spätere Bezeichnung Camptourist, ist ein in der DDR hergestellter, relativ flacher Wohnzeltanhänger für den Campingurlaub, aus dem mit wenigen Handgriffen ein Wohnzelt errichtet werden kann. (https://de.wikipedia.org/wiki/Klappfix)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.