{"id":948,"date":"2022-04-26T14:40:25","date_gmt":"2022-04-26T14:40:25","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=948"},"modified":"2024-05-07T09:55:08","modified_gmt":"2024-05-07T09:55:08","slug":"zweite-schicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=948","title":{"rendered":"Zweite Schicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir haben mit den Vietnamesen die zweite Schicht gemacht. Die ging von 14 bis 22 Uhr. Wir haben immer im Plandefizit gelegen und darum hat man 1987 die Vietnamesen zum Arbeiten r\u00fcbergeholt. Am Berg lang haben sie gewohnt. Sie hatten keinen weiten Weg nach Hause.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Unser Band hatte ja so und so viele Sitzpl\u00e4tze. Wir hatten Heftmaschinen und Sitzpl\u00e4tze f\u00fcr die Endkontrollen. Da kann man nicht noch f\u00fcnf Mann rein nehmen. Wo sollen die sitzen? Also blieb ja nur die zweite Schicht \u00fcbrig. Aber die zweite Schicht haben nur die Vietnamesen gemacht. Unsere Frauen mussten mit den Bussen nach Hause. Und nachmittags vier Uhr fuhr der letzte Bus. Die w\u00e4ren ja abends nicht nach Hause gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe auch eine zeitlang die zweite Schicht mitgemacht, weil ich unten am Band die vietnamesischen Frauen betreut habe, Arbeitsabl\u00e4ufe kontrolliert und so. Sie wurden vorwiegend zum Heften oder zum Ann\u00e4hen der Schirmstabspitzen eingesetzt, eher leichte Arbeiten. Die haben gut gearbeitet. Ich selbst hatte Kontakt zu drei Frauen, die uns auch immer mal privat zu Hause besucht haben. Oder sie haben uns in ihren Anbau zum Essen eingeladen und da wurde dann immer aufgetischt. Mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen hat man sich ganz gut verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in Vietnam an einer Musikhochschule im Hauptfach Klavier und in Nebenf\u00e4chern Mandoline und Akkordeon studiert und bis 1975 in einer Musikredaktion f\u00fcrs vietnamesische Fernsehen, THVN<sup>1<\/sup>, in Saigon-Stadt gearbeitet. Mit der Wiedervereinigung beider vietnamesischer Staaten 1976 musste jeder Mitarbeiter in die Kommunistische Partei eintreten, um weiter arbeiten zu k\u00f6nnen. Meine Familie ist evangelisch und ich bin nicht in die Partei eingetreten, wei\u00dft Du. Ich habe dann meine Arbeit verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>So war L. eben auch hier. F\u00fcr ihren Vater, der erblindete. Die Operation konnten sie dort nicht machen. Er kam mit seiner Frau hierher. Da hat L. sozusagen den Flug, hin- und zur\u00fcck f\u00fcr beide Elternteile bezahlt, den Krankenhausaufenthalt musste sie bezahlen, die OP musste sie auch bezahlen. Sie hat nur f\u00fcr ihre Eltern, f\u00fcr ihr Zuhause gearbeitet. Sie selber hatte nichts davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erhielt 1988 ein Angebot, in der DDR arbeiten zu k\u00f6nnen. Ich war 28 Jahre und wollte auch meine Familie unterst\u00fctzen. Meine Mutter war krank. Vielleicht gab es in der DDR eine M\u00f6glichkeit meine Mutter zu behandeln. Ich wusste, dass man dort besser verdient und die Lebensqualit\u00e4t besser ist. Dann habe ich einen F\u00fcnf-Jahres-Vertrag unterschrieben. Ich wusste nicht, wohin ich komme und was ich machen werde.<em><br><\/em><br>Sie sind nicht auf uns vorbereitet wurden und wir nicht auf sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind belogen wurden. Sie dachten, dass sie in die Stadt kommen w\u00fcrden. Aber kommen sie mal von Saigon auf dieses Kuhdorf. Sie kamen barfuss mit Flipflops und wir haben erstmal unsere Socken ausgezogen, dass sie was an den F\u00fc\u00dfen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren eine Gruppe von 50 Personen und kamen nach Adorf. Wir waren alles Frauen. Nur ein Mann. Er war Dolmetscher. Es war Winter. In Saigon war es zu der Zeit sehr hei\u00df. Wir sind hierher gekommen und da war es kalt und alles war wei\u00df, oben und unten und wir hatten nat\u00fcrlich Heimweh.<br>Wir sind in einem neuen Wohnheim untergekommen. In jedem Zimmer waren vier Frauen. Die Zimmer waren ca.15m<sup>2<\/sup>. Jede von uns hatte ihre Ecke. Wir hatten im Wohnheim eine K\u00fcche, Bad und Toiletten. Ich habe gedacht nicht schlecht und war zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie konnten sich die Schr\u00e4nke dann so stellen, dass sie ihr Bett f\u00fcr sich hatten. Mit Schirmseide haben sie sich eine Art Blickschutz gebaut, damit wenigstens etwas Privatsph\u00e4re vorhanden war. Jeder Mensch hatte ja auch Bed\u00fcrfnisse in den jungen Jahren. Es war schon haarstr\u00e4ubend, wie das hier gelaufen ist. Dann sind auch welche schwanger geworden und das durfte nicht rauskommen. Da mussten wir dann mit raus nach Stollberg, wurde alles heimlich gemacht oder manche wurden auch gleich abgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sie dann drau\u00dfen in ihrer Unterkunft gemacht haben, das wei\u00df ich nicht. Wir haben nichts geh\u00f6rt, wir haben uns damit nicht befasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Monat Deutschkurs habe ich in der Endkontrolle gearbeitet. Ich habe die Schirme kontrolliert, nach 1. und 2.Wahl sortiert. Wir haben in der zweiten Schicht gearbeitet. Es war keine schwere Arbeit und ich habe nicht schlecht verdient. 800 Mark habe ich verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben dann die Leute bekommen, sie wurden eingeteilt. Ich habe Hefter gekriegt, Endkontrollen und auch eine zum Ringeln. Zwei sprachen Englisch, sonst h\u00e4tten wir uns \u00fcberhaupt nicht verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Es waren die, die wussten worauf es ankommt. Sie haben gut gearbeitet. Gerade die, die mit geringelt hat, M. Sie hat locker geschafft, was unsere gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen haben alle das N\u00e4hen hier gelernt, sie haben alle am Band gearbeitet. Wir hatten ab und zu mal eine Aushilfe bei uns oben, die auch mit ausgepackt hat. Wir sind mit den Frauen gut ins Geschick gekommen.<br><br>Die konnten von Anfang an nicht richtig arbeiten. Sie waren es auch nicht gew\u00f6hnt. Jetzt mussten sie auch erstmal alles lernen. Zum Durchsehen waren sie hier, zwei waren bei uns oben. Ja nun sa\u00dfen sie dort und sollten den ganzen Tag sitzen. Das waren h\u00fcbsche, schlanke M\u00e4dels. Nun haben sie ein bisschen Deutsch gelernt und haben auch mit uns gesprochen und so.<\/p>\n\n\n\n<p>Von unserem Verdienst wurden jeden Monat vom Betrieb 20% nach Vietnam abgef\u00fchrt, 80% konnten wir behalten. Davon haben wir 50 Mark f\u00fcr die Wohnung bezahlt und den Rest konnten wir sparen. Wir haben Sachen gekauft und nach Vietnam geschickt. Dort gab es viele arme Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familien halten zusammen. Wenn eine Familie nicht viel hat, es sind irgendwelche Krankheiten oder so, dann stellen sich die Kinder zur Verf\u00fcgung, gehen arbeiten und das Geld kommt dann nach Hause. Sie haben ihre Angeh\u00f6rigen unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben hier meistens Mopeds gekauft. Die wurden auseinander genommen und in Kisten nach Vietnam geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland gab es immer nur Wurst, Wiener Wurst. Wir kochen aber immer nur mit Reis, nur Reis.<br><br>Sie fanden hier nichts Richtiges zu essen, sie haben dann H\u00fchner in ihrer Unterkunft unterm Stuhl gehalten und auf den Fensterb\u00e4nken Knoblauch gez\u00fcchtet und so ein Zeug.<br><br>Sie w\u00fcrden so anders kochen, es w\u00fcrde auch anders riechen und sie w\u00fcrden auch gleich mal ein Huhn schlachten. Wo ich dann dachte, na meine Oma hat auch auf dem Hof gleich mal ein Huhn geschlachtet, was ist da jetzt so Besonderes dran.<br><br>Sie sind mit der Situation im Erzgebirge, mit Handel und Versorgung schlecht zu recht gekommen, weil es bei uns gar nicht die richtige Grundlage f\u00fcr ihre Ern\u00e4hrung gab. Eine Betreuerin ist dann zu ihnen gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute in Adorf waren sehr gastfreundschaftlich. Wenn ich auf der Stra\u00dfe unterwegs war oder zum Einkaufen, sagten alle immer\u201eHallo!\u201c. Ein Jahr war ich in Adorf, 1990 bin ich nach Westberlin. Andere Kollegen auch, manche sind zur\u00fcck nach Vietnam. Es gab keine Arbeit mehr. Die Gastfreundschaft war in der DDR besser, in Westdeutschland ist sie auch gut. Aber es ist k\u00e4lter.<em><br><br><\/em>Man hat sie schon mal gesehen, wenn sie durchs Dorf gelaufen sind oder im Konsum einkaufen waren. Es hie\u00df dann, die \u201eFidschis\u201c<sup>2<\/sup> sind da. Manche haben sich das in Adorf immer noch nicht abgew\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Wende, wo das losging, sind die meisten von allein abgehauen. Sie sind nach Westberlin. Manche wollten auch wieder heim, es ist ja nicht so, dass alle gewillt waren, hier zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hie\u00df es, es ist Schluss, obwohl sie einen F\u00fcnf-Jahres-Vertrag hatten, um hier zu bleiben. Aber das ging nicht, sie sind ja erst 1987 gekommen, 90 war die Wende und viele sind in den Westen r\u00fcber und hatten alle wieder Arbeit. Sonst h\u00e4tten sie wieder nach Vietnam zur\u00fcck gemusst.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Tag, wo es hie\u00df in Berlin ist die Mauer gefallen, waren h\u00f6chstens noch zwei, drei Mann da. Viele sind Richtung Westen zu ihren Familien. Ganz wenige sind wieder zur\u00fcck nach Hause, wie M. Die hatte ein kleines M\u00e4del in Vietnam. Von der wei\u00df ich es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin verheiratet, habe Kinder, mittlerweile Enkelkinder. Alle zwei Jahre besuche ich Vietnam. Viele aus meiner Verwandtschaft sind aber schon verstorben und meine Geschwister sind \u00fcberall auf der Welt, in Amerika, Kanada, Thailand. Aber mir gef\u00e4llt es in Deutschland besser. Ich mag den Charakter, die P\u00fcnktlichkeit, die Disziplin, die Kultur und die Sauberkeit. Ich bin jetzt 63. Ich lebe in Neuhausen. Die Umgebung ist sehr sch\u00f6n. Saigon passt einfach nicht mehr zu mir. Es sind zu viele Leute, zu viel Smog, zu viel Armut.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">THVN<sup>1<\/sup><br>Truy\u1ec1n h\u00ecnh Vi\u1ec7t Nam (Fernsehen Vietnam)<br><br>Fidschis<sup>2<\/sup><br>ist ein Wort, das eigentlich die Bewohner der Fidschi-Inseln oder die Sprache Fidschi bezeichnet. Es wird in Ostdeutschland als Schimpfwort oder abf\u00e4llige Bezeichnung f\u00fcr asiatische und asiatisch aussehende Menschen, insbesondere Vietnamesen, genutzt. <br>https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fidschi_(Schimpfwort)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben mit den Vietnamesen die zweite Schicht gemacht. Die ging von 14 bis 22 Uhr. Wir haben immer im Plandefizit gelegen und darum hat man 1987 die Vietnamesen zum Arbeiten r\u00fcbergeholt. Am Berg lang haben sie gewohnt. 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