{"id":570,"date":"2021-02-01T11:14:10","date_gmt":"2021-02-01T11:14:10","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=570"},"modified":"2024-05-08T09:39:50","modified_gmt":"2024-05-08T09:39:50","slug":"ausflug-nach-greiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=570","title":{"rendered":"Ausflug nach Greiz"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Museum <em>Unteres Schloss<\/em> finde ich wenig Informationen \u00fcber die Geschichte zum VEB Greika Greiz<sup>1<\/sup>. Ich hatte mir mehr erhofft, zumal auf der Internetseite der Stadt Greiz \u00fcber die Textilausstellung des Museums folgende Informationen zu finden sind:<br><em>\u201cDie ehemaligen Wirtschaftsr\u00e4ume f\u00fcr den f\u00fcrstlichen Hof beherbergen seit 1998 eine Schauwerkstatt zur Herstellung und Geschichte des Greizer Textilwesens. Die Weberei und sp\u00e4ter die Textilindustrie mit den textilverarbeitenden Gewerken pr\u00e4gten Greiz \u00fcber 500 Jahre\u2026\u201c<\/em><br>Meine Verwunderung dar\u00fcber teile ich einer Mitarbeiterin am Eingang des Museums mit. Sie antwortet, dass es kaum noch Menschen gibt, die \u00fcber Webst\u00fchle, Strickmaschinen usw. Auskunft geben k\u00f6nnten.<br>15 Minuten sp\u00e4ter treffe ich mit Herrn H. und Herrn D. auf zwei Greizer mit umfangreichem Wissen \u00fcber Textilindustrie und deren Geschichte.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Zu Beginn des Gespr\u00e4ches sagt Herr Hildmann, dass sie versuchen werden, mir meine Fragen zu beantworten. Ich bin etwas verlegen. Die einzige Vorbereitung auf das Treffen sind die Informationen, die ich von den Frauen \u00fcber die Stoffe und Muster erhielt bzw. den Archivunterlagen entnommen habe. Ich frage nach dem Gr\u00fcndeldruck und erhalte knapp zwei Stunden Information an Information.<\/p>\n\n\n\n<p>Cirka 1963 stellte die volkseigene Chemieindustrie massig Polyesterseide zur Verf\u00fcgung. Da die Seide selbst kein Wasser aufnimmt, wurde das Gewebe auch f\u00fcr Regenschirme eingesetzt, erz\u00e4hlt Herr Dietz, ehemals Haupttechnologe und F\u00e4rbereileiter. Farbstoffe sind in der Regel im Wasser gel\u00f6st. Nur wenn man das Gewebe mit einer Farbstoffwasserl\u00f6sung zusammenbringt, tritt eine F\u00e4rbung ein. Da aber Polyester kein Wasser aufnimmt, gab es nur eine Methode mit Hochtemperatur, die so genannte Thermosolf\u00e4rbung: das Gewebe l\u00e4uft durch eine Farbstoffwasserl\u00f6sung, die Farbe wird mit zwei Walzen auf das Gewebe gedr\u00fcckt und anschlie\u00dfend sofort getrocknet. Im Anschluss l\u00e4uft es \u00fcber eine Siebtrommel mit 180-210 Grad hei\u00dfer Luft. In diesem Bereich wird die Seide plastisch und die Farbe kann eindringen. Jeder Faden der Polyesterseide, erkl\u00e4rt Dietz weiter, weist eine andere Struktur auf. Beim F\u00e4rben des Gewebes, welches aus Kette und Schuss besteht, kam die Kettstreifigkeit zum Vorschein. Wir als F\u00e4rber haben es nicht zustande gebracht, dass jeder Faden so gef\u00e4rbt wird, dass ein einheitlich gef\u00e4rbtes Gewebe entsteht. Beim schwarzen Herrenschirm hat sich das dann in der Durchsicht bemerkbar gemacht, was auch anschlie\u00dfend reklamiert wurde. \u00dcbertrieben gesprochen hat man im Schirm helle (antrazitfarbene) und dunkle F\u00e4den gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Zeitungsabschnitt der kombinatseigenen Zeitung Solidor Nr.8\/1982 aus den Unterlagen von Frau Munzert hei\u00dft es:<br><em>Ein makelloses Schwarz bereitete \u00fcbrigens den Schirmmachern lange Zeit das meiste Kopfzerbrechen, denn das durch den aufgespannten Schirm fallende Licht gab den geringsten Farb-, oder Gewebefehler schonungslos preis. Der jetzt angewandte sogenannte Gr\u00fcndeldruck legt die Farbe raster\u00e4hnlich auf das Gewebe und garantiert damit einen gleichm\u00e4\u00dfigen Schwarzeffekt.<\/em><br><br>Herr Hildmann, ehemals Leiter der Druckereiabteilung, erz\u00e4hlt dass der Begriff Gr\u00fcndeldruck ein ortsspezifischer Fachausdruck aus der Druckerei in Greiz war. Auf dem gef\u00e4rbten Gewebe wurde zus\u00e4tzlich mittels einer 1000PunktDruckwalze Farbe aufgedruckt, um einen gleichm\u00e4\u00dfigen Farbton zu suggerieren. Man erhielt kein 100prozentiges schwarz, auch kein 100prozentiges Marine, eher, so Hildmann, einen geringf\u00fcgig helleren Druck als ganz dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde aber auch bei gr\u00f6\u00dferen Mustern direkt auf dem wei\u00dfen, ungef\u00e4rbten Stoff gedruckt. Um auch hier die Dispersionsfarbstoffe mit dem Gewebe zu fixieren, arbeitete man mit Hochtemperaturd\u00e4mpfern, erz\u00e4hlt Hildmann. Dem Wasser wurden verschiedene chemische Mittel zugesetzt, unter anderem Verdickungsmittel wie Algen oder Tang, die den Farbstoff in Form gehalten haben. Die Temperatur beim D\u00e4mpfen betrug 130 Grad.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Stoffdruck muss man Folgendes sagen: man geht von Dunkel nach Hell und beginnt mit der ersten Walze in Schwarz, Marineblau, Schwarzbraun, Schwarzoliv oder Dunkelpurpur. Damit erzielt man den besten Kontrast, so Hildmann. Die Muster waren auf den Walzen graviert und stammten aus dem Walzengravierwerk in Frankenberg\/Sachsen. Die Oberfl\u00e4che der eingef\u00e4rbten Walzen wurde durch einen Rakel von der \u00fcbersch\u00fcssigen Farbe befreit. Die vertieft liegende Mustergravur \u00fcbertrug die Farbe auf das Gewebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Je nach Gr\u00f6\u00dfe der Muster mussten die Drucker Rakelbl\u00e4tter (Abstreichmesser) in verschiedenen St\u00e4rken verwenden. Hildmann erz\u00e4hlt, dass es eine gro\u00dfe Handwerkskunst war, diese scharf anzuschleifen. Es gab aber auch Schwierigkeiten. Bei einem gro\u00dfen Muster ist das Messer mitunter auf einf\u00fcnftel eingefallen und wenn viel gedruckt wurde, mussten neue Walzen in Frankenberg bestellt werden. Das war mit viel Aufwand und viel Geld verbunden, denn das Muster wurde dazu wieder ausgelegt, die Walze musste bestellt, geholt und in die Maschine eingebaut werden. Hinzu kamen nat\u00fcrlich verbindliche Liefertermine. Ein Dessin, so Hildmann, wurde in vier verschiedenen Farbstellungen (Colorits) hergestellt. So konnte die Schirmfabrik ihren Kunden verschiedene Schirme anbieten.<br>Herr Dietz fasst den Ablauf des Gewebes von der Appretur<sup>2<\/sup> bis zur Nachbehandlung noch mal zusammen. Nachdem der Stoff gef\u00e4rbt und \/oder bedruckt wurde, wurde er anschlie\u00dfend \u00fcber Breitwaschmaschinen gereinigt, um den nichtgebundenen Farbstoff abzuwaschen. Das Gewebe wurde getrocknet und anschlie\u00dfend mit einem Hydrophobierungsmittel oberfl\u00e4chlich behandelt. Anf\u00e4nglich gab es h\u00e4ufige Reklamationen seitens der Schirmfabrik, dass der Hydrophobierungseffekt zu gering war. Das Gewebe ging daraufhin durch eine Kalander-Maschine. Eine der beiden Walzen hatte eine Temperatur von 200Grad und so konnte das Hydrophobierungsmittel in die aufgeweichte Faser eindringen und die Zwischenr\u00e4ume, die f\u00fcr den Durchspr\u00fcheffekt verantwortlich waren, wurden dabei etwas mit verquetscht.<br>Dietzes Frau arbeitete im Labor, wo jede Charge auf den Durchspr\u00fcheffekt hin kontrolliert wurde, bevor diese dann mit Zertifikat der Schirmfabrik \u00fcbergeben wurde. Restlos zubekommen hat man die Zwischenr\u00e4ume nie, so Dietz, das war eben der Nachteil der Polyesterseide. Herr Hildmann hebt aber die Festigkeit und Hochwertigkeit dieses Gewebes hervor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/stoffrest_zeitung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-574\" srcset=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/stoffrest_zeitung.jpg 500w, https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/stoffrest_zeitung-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 85vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Gespr\u00e4ches \u00f6ffnet Hildmann einen Koffer und zeigt mir eigene Schirme und Stoffreste. Einer erinnert an einen Zeitungsdruck. Er schenkt ihn mir und sagt dazu, dass dieses Muster von der gesamten politischen Elite der Greika und der Schirmfabrik wegen der englischen Begriffe begutachtet wurde. Gemeinsam mit Dolmetschern wurde er abgesegnet. In Marine sind die fertigen Schirme besonders gut gelaufen, erinnert sich Hildmann. Ich erkundige mich nach Gestaltern der Muster und erfahre, dass es im Betrieb ein Musterb\u00fcro gab, in dem 15 Personen arbeiteten. Viele haben in Schneeberg, in Halle an der Burg Giebichenstein oder Berlin Wei\u00dfensee studiert. Leider gibt es kaum noch Kontakt.<br>Einen Tag nach dem Treffen erinnere ich mich an die Ausstellung und das Gespr\u00e4ch. Ich empfand Traurigkeit dar\u00fcber, dass es so viele Menschen gibt, die ihr Wissen nicht weitergeben werden, weil keiner danach fragt und Unverst\u00e4ndnis \u00fcber das Hofieren der F\u00fcrstenfamilie Reu\u00df im Museum. In welchem Verh\u00e4ltnis steht ihre Geschichte zur Geschichte der Greizer Menschen? Wieviele von ihnen waren bis zur Wende in der Textilindustrie besch\u00e4ftigt?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\"><strong>1<\/strong> <em>Das Akronym <strong>Greika<\/strong> entstand 1953 aus der zuvor \u00fcblichen Bezeichnung des VEB Greizer Kammgarn-Weberei (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Greika)<br><\/em><strong>2 <em>Appretur<\/em><\/strong><em> (von frz. appr\u00eat \u201eAusr\u00fcstung, Zurichtung\u201c) bezeichnet die veredelnde Behandlung von Stoffen und Textilien, aber auch Garnen und Fasern sowie Papier und Leder, um ihnen ein besonderes Aussehen und\/oder bestimmte Eigenschaften zu geben.<\/em> (<em>https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Appretur)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Museum Unteres Schloss finde ich wenig Informationen \u00fcber die Geschichte zum VEB Greika Greiz1. 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