{"id":467,"date":"2020-10-30T11:36:30","date_gmt":"2020-10-30T11:36:30","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=467"},"modified":"2024-05-08T09:33:42","modified_gmt":"2024-05-08T09:33:42","slug":"an-den-tag-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=467","title":{"rendered":"An den Tag bringen"},"content":{"rendered":"\n<p>Fast alle Frauen, die ich bisher getroffen habe, bringen einen oder mehrere Gegenst\u00e4nde aus der Schirmfabrik zum Gespr\u00e4ch mit. Frau Munzert breitet Schirme, Futterale, aus Abfallb\u00e4ndern geh\u00e4kelte Taschen, Hefter und Ordner auf dem Tisch aus.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>In einem befinden sich ca. 100 Zeitungsartikel \u00fcber den VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt. Sie sind chronologisch geordnet (1967 &#8211; 1992) und auf Papier geklebt, welches mittlerweile deutliche Altersspuren aufweist. Mal gibt es nur Textausz\u00fcge, oft aber sind die Texte bebildert. Man sieht Frauen beim Pr\u00e4sentieren eines Schirmes oder an ihren Arbeitspl\u00e4tzen. Der Ordner erinnert an ein Fotoalbum: \u00dcberschriften wurden mit farbigen Stiften hervorgehoben. Die ausgeschnittenen Artikel sind mit Linien eingerahmt. Ich sehe kleine ausgeschnittene und neben den Artikeln eingeklebte Schirmstoffreste mit unterschiedlichen Mustern &#8211; meistens Bl\u00fcten oder kleine Trapeze.<br>F\u00fcr Frau Munzert, die bis 1990 in Adorf als Lehrausbilderin arbeitete, war es selbstverst\u00e4ndlich, immer einen Schirm in ihrer Tasche zu tragen. Sie sagt, sie war stolz drauf, konnte so die Schirmfabrik repr\u00e4sentieren. Heute noch trifft sie sich mit einer ihrer Lehrlingsgruppen. Bei unserem Gespr\u00e4ch zeigt sie mir auf einem Foto die Frauen aus der Gruppe: \u201eSie lebt nicht mehr, sie organisiert das alles, sie kommt mit, sie ist in den Westen gezogen, sie kommt mit, sie kommt noch mit, sie wurde nicht mehr eingeladen, sie ist im Westen, sie kommt mit, sie kommt noch mit und sie.\u201c Wenn man die Personen z\u00e4hlt, waren es elf Lehrlinge aus der Klasse von 1969, wovon sich sieben mit der ehemaligen Lehrausbilderin immer noch treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle waren darauf bedacht, gute Ware zu liefern, und wer nicht, der geh\u00f6rte nicht in unsere Fabrik, so Frau Aurich. Sie freut sich, wann immer sie einen ihrer Schirme sieht. Erst vor kurzem waren sie mit dem Auto unterwegs: \u201eAch, das war ein Schirmfabrikschirm!\u201c, sagt sie zu ihrem Mann, der am Steuer sitzt. 1958 begann sie eine Ausbildung zur Schirmn\u00e4herin, da befand sich der Betriebsteil noch in Neukirchen. Von der Pike auf wurde alles mit Hand gen\u00e4ht. Sie erz\u00e4hlt davon, dass ihr Konfirmantengeschenk \u2013 ein Regenschirm von ihrem Patenonkel \u2013 Ausl\u00f6ser f\u00fcr ihre Entscheidung war, in der Schirmfabrik zu lernen. Sie hat den Schirm zum Gespr\u00e4ch mitgebracht und zeigt mir, dass er nicht mehr zehnteilig ist. Sie hat ihn sp\u00e4ter auf acht Teile umgestellt. Inzwischen hat er auch viele Bez\u00fcge bekommen. Das Gestell ist aber immer noch das Gleiche. Nach ihrer Ausbildung wurde sie angesprochen, ob sie sich nicht als Mechanikerin weiterbilden m\u00f6chte. In Kursen hat sie feilen, s\u00e4gen, bohren und drehen gelernt und war kurze Zeit in der Schlosserei im Hauptwerk Siegmar. Ich erfahre, dass Sie als Erste mit nach Adorf gekommen ist. 1963 hat sie gemeinsam mit einem Kollegen einen Raum im obersten Saal eingerichtet, ausgestattet mit Werkbank, Schraubstock und Schleifmaschine.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Frau St. begann 1965 in Adorf eine Lehre als Schirmmacherin. Ihr Vater kassierte nebenberuflich Versicherungen im Dorf und kam damals mit vielen Leuten zusammen, wo er sich nach seinem M\u00e4dchen erkundigte, wie sie sich denn so macht. Der Vater kannte Frau A. und fragte, ob seine Tochter nicht in der Mechanik anfangen k\u00f6nnte, um Maschinen zu reparieren? Der Mechanikermeister, Herr M., sagte, sie solle erst einmal weiter n\u00e4hen, denn es ist sehr gut, wenn man das beherrscht, damit man sp\u00e4ter wei\u00df, um was es geht. So lernte sie viel dazu. Es waren ja alte Maschinen und Herr M. musste sich immer etwas einfallen lassen. Es gab keine Ersatzteile, es ging um Feineinstellungen, wenn die Nadel Aussetzer machte oder wenn der Faden zu lang blieb und nicht mehr richtig abgeschnitten wurde.<br>Frau St. erkl\u00e4rt mir die unterschiedlichen N\u00e4hte und greift nach einem Futteral. Bei den Doppelsteppstich-Maschinen hatte die Naht einen geraden Stich. Sp\u00e4ter, schon w\u00e4hrend ihrer Lehrzeit, wurden Interlock-N\u00e4hmaschinen im Betrieb eingef\u00fchrt. F\u00fcr diese Maschinen entwickelten die Adorfer eine spezielle Vorrichtung f\u00fcr das Umschlagen des Stoffes. Diese so genannte T\u00fcte bringt Frau St. zum Gespr\u00e4ch mit. Die T\u00fcte wurde auf die Stichplatte aufgel\u00f6tet und bewirkte beim Einf\u00fchren des Stoffes, dass dieser umgeschlagen wurde und so eine haltbare wasserbest\u00e4ndige Naht entstand, dessen Nahtbreite jetzt nur noch 6mm betrug und nicht wie beim Doppelsteppstich 9mm. Dieses Teil ist wohl einmalig auf der Welt, sagt sie und lacht dabei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast alle Frauen, die ich bisher getroffen habe, bringen einen oder mehrere Gegenst\u00e4nde aus der Schirmfabrik zum Gespr\u00e4ch mit. 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