{"id":349,"date":"2020-05-25T15:34:48","date_gmt":"2020-05-25T15:34:48","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=349"},"modified":"2024-05-08T09:26:17","modified_gmt":"2024-05-08T09:26:17","slug":"heimarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=349","title":{"rendered":"Heimarbeit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Sehr geehrte Frau N\u00e9meth,<\/em><br><em>anbei ein paar Zeilen \u00fcber die Heimarbeit in der Schirmfabrik Adorf. Von 7-12 Uhr wurden in der Abteilung Heimarbeit die Bez\u00fcge f\u00fcr ca. 30 Arbeiter zum N\u00e4hen zurechtgemacht. 13 Uhr wurde dann die Ware zu den Heimarbeitern nach Adorf, Jahnsdorf, Neukirchen, Klaffenbach und Chemnitz gefahren und die fertig gen\u00e4hten Bez\u00fcge wieder mitgenommen. Fr\u00fch wurde dann alles kontrolliert und schlecht gen\u00e4hte Bez\u00fcge gingen als Nacharbeit zur\u00fcck. Einmal in der Woche Mittwoch kam ein Fahrer aus Schwarzbach (Th\u00fcr.), der f\u00fcr 30 Arbeiter Bez\u00fcge zum N\u00e4hen abholte. Die Arbeiter aus Schwarzbach wurden als erste arbeitslos und danach auch alle anderen Heimarbeiter. Dies ist alles, was ich \u00fcber die Heimarbeit berichten kann.<\/em><br><em>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/em><br><em>R. M., Adorf 11.02.2020<\/em><\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Atelier begegne ich einer Frau, deren Beutel ich fotografieren darf. Sie erz\u00e4hlt, dass sie als junge Frau in Heimarbeit f\u00fcr die Schirmfabrik gen\u00e4ht hat. Eine gro\u00dfe Interlogn\u00e4hmaschine stand vor 56 Jahren in ihrer K\u00fcche. Sie betreute ihre Zwillinge zu Hause und konnte so dazu verdienen.<br>Im Gespr\u00e4ch mit Frau Stritzke erfuhr ich bereits einiges \u00fcber Heimarbeit. Meist waren es N\u00e4herinnen, die sich, wenn sie Kinder bekamen, f\u00fcr Heimarbeit entschieden. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes blieb die Betriebszugeh\u00f6rigkeit erhalten, man erhielt eine unbezahlte Freistellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer es halbwegs mit dem Platz stellen konnte, bekam die N\u00e4hmaschine mit nach Hause. Zweimal in der Woche kam ein Fahrer und belieferte die Frauen mit S\u00e4cken voll Ware, die zuvor in der Abteilung Heimarbeit zurechtgemacht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Frauen ging mal so eine Maschine kaputt, es brach was ab oder bei der T\u00fcte ging der Stift raus und dann mussten die Mechaniker kommen, erg\u00e4nzt Frau St. Sie selbst wohnte damals in Karl-Marx-Stadt und da wurde sie gern geschickt, weil sie unabh\u00e4ngig vom Fahrdienst bei den Heimarbeiterinnen die Maschinen reparieren konnte, wenn es mal etwas l\u00e4nger dauerte. Sie berichtet von Frauen, die nerv\u00f6s wurden, wenn was nicht mit der Maschine klappte, denn der Auftrag musste ja fertig werden. Es war eine mentale Sache. So wollten die Frauen auch mal was loswerden, was Emotionales oder wollten wissen, was im Betrieb los war. Zu Hause waren sie abgeschottet und freuten sich \u00fcber Neuigkeiten, \u00fcber geplante Betriebsvergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"656\" height=\"368\" src=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/heften_kurz1_1.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-1274\" style=\"width:328px;height:184px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Frau Stritzke berichtet von Wohnungen, wo erst die Betten hochgeklappt werden mussten, damit Platz f\u00fcr die N\u00e4hmaschine war. Bei einer anderen Heimarbeiterin stand die Maschine im Schlafzimmer. Als Frau Stritzke zum Reparieren kam, lag der Ehemann, der Nachschicht hatte, noch im Bett und gr\u00fc\u00dfte mit \u201eGuten Morgen\u201c. Sie hat auch Heimarbeiterinnen besucht, die auf dem Dorf in einem Haus wohnten. Die konnten bis in die Nacht hinein n\u00e4hen, weil keine Nachbarn durch die Maschinenger\u00e4usche gest\u00f6rt wurden. In der Stadt in einem Neubau war das anders. Auch f\u00fcr Frau Stritzke war klar, ihr Sohn war fast ein Jahr, dass sie Heimarbeit machen wollte. F\u00fcr die N\u00e4hmaschine hatte sie im Flur ihrer neu bezogenen Wohnung im gr\u00f6\u00dften Plattenbaugebiet von Karl-Marx-Stadt eine sch\u00f6ne Ecke. Drei Jahre n\u00e4hte sie in Heimarbeit, bevor sie wieder im Betrieb als N\u00e4hmaschinenmechanikerin anfing. Sie f\u00fchlte sich als Au\u00dfenseiterin &#8211; alle aus dem Block gingen zur Arbeit und sie war allein mit dem Kind zu Hause. Sie berichtet davon wie verlockend es war, sich die Zeit einteilen zu k\u00f6nnen, mal etwas l\u00e4nger zu schlafen, als wenn man fr\u00fch halb sechs am Werksbus stehen musste. Man war aber auch auf sich gestellt, musste aufpassen, ob genug Zwirn und Ersatznadeln vorr\u00e4tig waren, damit die fortlaufende Arbeit gew\u00e4hrleistet war. Frau Stritzke erz\u00e4hlt von einer gro\u00dfen Umstellung, von Einsamkeit. Sie war es gewohnt, immer viele Menschen um sich zu haben, sei es die gro\u00dfe Familie aus Adorf oder die Kollegen aus der Fabrik. Heute hat man wenigstens ein Telefon, um sich austauschen zu k\u00f6nnen. Vor 50 Jahren hatte sie das noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Frau N\u00e9meth,anbei ein paar Zeilen \u00fcber die Heimarbeit in der Schirmfabrik Adorf. 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