{"id":1358,"date":"2023-01-23T17:55:34","date_gmt":"2023-01-23T17:55:34","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1358"},"modified":"2023-01-23T17:56:16","modified_gmt":"2023-01-23T17:56:16","slug":"den-bach-runter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1358","title":{"rendered":"Den Bach runter"},"content":{"rendered":"\n<p>Das war ja auch ein wenig unheimlich. Die B\u00e4ume wuchsen aus dem Dach heraus. Meine Schwester wohnt noch oben im Elternhaus in Adorf und ich bin stets hier vorbeigefahren. Und jedes Mal, was wird denn aus der Fabrik noch werden? Erst haben wir auch gesagt, so ein gro\u00dfes Geb\u00e4ude kann doch gar nicht leer stehen. Alles musste gehen, alles. Bis es eben dann verfiel. Ja.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Der 1. M\u00e4rz 1991 war mein letzter Arbeitstag und von da an hat es mich nicht mehr interessiert. Ich habe keinen Fu\u00df mehr in die Fabrik gesetzt. Wer im Unterricht aufgepasst hat, der wusste was kommt. Das gro\u00dfe Theater ist dann eingetreten. Klar waren viele entt\u00e4uscht, das Hoffen war unsinnig. Es betraf ja nicht nur die Frauen, die hier gearbeitet haben, sondern auch in anderen Betrieben mitunter deren M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war 41 \u2013 im besten Alter k\u00f6nnte man sagen, wohnte damals in Karl-Marx-Stadt und musste dort zum Arbeitsamt. Massen von Menschen standen die Treppe hoch und ich darunter, niemand Bekanntes. Mir war die ganze Zeit \u00fcbel. Dort ist mir das wahrscheinlich zum ersten Mal richtig bewusst geworden, nun bin ich eine unter vielen und die Sache erscheint hoffnungslos. Wo man sp\u00e4ter hinkam, gab es immer nur das eine Thema, die Kinder, die Geschwister, die Eltern, alle &#8211; was soll denn nur aus uns werden, nun m\u00fcssen wir wohl alle r\u00fcber?<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1991 haben wir hinten in der Lehrwerkstatt noch kleinere Auftr\u00e4ge abgearbeitet. Wir waren dann aber schon alle in Kurzarbeit und hatten uns parallel f\u00fcr Umschulungen und Lehrg\u00e4nge angemeldet. Als ich wusste, zum 1. Juli ist Schluss, hatte ich in einem Gardinengesch\u00e4ft in Neukirchen angefragt. Im Oktober h\u00e4tte ich dort anfangen k\u00f6nnen. Der Zufall wollte es aber, dass die Kassen\u00e4rztliche Vereinigung in Chemnitz Leute suchte, die aus dem Gesundheitswesen kamen und ich war ja ausgebildete Krippenerzieherin. Das war ein Gl\u00fcckstreffer. Ich war also nicht arbeitslos. Es ging nahtlos f\u00fcr mich weiter. Mit einer ganz anderen T\u00e4tigkeit, im B\u00fcro am Schreibtisch, dann ging es mit dem Computer los. Aber es war gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich wollte das nicht sehen. Ich war das letzte Mal dort, als ich mein Lager abgeschlossen habe. Es wurde erz\u00e4hlt, das Dach oben im Zuschnitt ist eingebrochen. Na ja, klar es war eine Frage der Zeit, wenn es reinregnet und im Winter, dass es irgendwann zusammenf\u00e4llt. Das Bild ist mir immer noch allgegenw\u00e4rtig. Wenn ich dort vorbei fahre, sehe ich die Schirmfabrik. Das ist komisch. Das Geb\u00e4ude hat das ganze Areal eingenommen. Ein riesengro\u00dfer roter Ziegelbau, der irgendwie sehr markant war.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Abwicklungsphase kamen Leute vom Arbeitsamt in die Schirmfabrik und haben uns Vorschl\u00e4ge unterbreitet, in welchen anderen Berufen Mitarbeiter ben\u00f6tigt werden und da habe ich mich als Altenpflegerin beworben. Zwei Jahre habe ich noch mal gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir hat meine Arbeit Spa\u00df gemacht, ich wollte eigentlich nicht wieder zur\u00fcck in den Handel. Aber ich musste, weil ich eine Ausbildung als Lebensmittel- und Fleischereifachverk\u00e4uferin hatte. Ich war erst beim Privatfleischer und danach unten beim Penny.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wende war f\u00fcr uns Arbeiterinnen eigentlich ganz schlimm. Wir wussten absolut nicht was wird. Wir wurden alle entlassen. Es war heftig. Die haben alle Umschulungen gemacht, aber als was, als Krankenpfleger. Es gab ja nix, das war schlimm. Ich wollte nicht laufend aufs Arbeitsamt und mich von einer ABM zur n\u00e4chsten hangeln. Mein Mann war LKW-Fahrer und fuhr damals Bier f\u00fcr den Westen und da habe ich 1990 einen Getr\u00e4nkeverkauf in Jahnsdorf aufgemacht. Ich habe mir einen Laden gesucht, es stand ja alles frei. Ich bin zum B\u00fcrgermeister, habe einen Vertrag gemacht und Miete bezahlt. Bis zur Rente habe ich das gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war zwar zuletzt mit meinem Mann noch mal oben. Wir standen ganz oben unterm Dach und schauten hinaus zum Kindergarten. Wir sind noch mal durchgelaufen. Ach, da hat es reingeregnet und alles. Es war schon viel kaputt. Einige haben Parkett, Holz zum verfeuern rausgeholt. Ich entdeckte auch einiges von meinem ganzen Zeug, fein s\u00e4uberlich abgeheftet, die Briefe und alles. Das war alles noch da.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war 1990 Schluss. Gl\u00fccklicherweise suchte das Arbeitsamt Mitarbeiter, welche mit helfen sollten, die Karteikarten der Arbeitslosen aus den aufgel\u00f6sten Betrieben zu verwalten. Das nannte sich ABM f\u00fcr ABM und ging f\u00fcr mich bis 1999. Und dann wurde auch ich arbeitslos.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einen Versuch bis Anfang 1992 in kleiner Gruppe im ehemaligen Wohnheim der vietnamesischen Vertragsarbeiter weiterzumachen. Der scheiterte und ich musste mich arbeitslos melden. Auf Eigeninitiative habe ich erstmal an einem Computerlehrgang der Volkssolidarit\u00e4t teilgenommen. Irgendwie musst Du ja was machen, dachte ich und suchte mit reichlichen 50 Jahren Arbeit. Noch im gleichen Jahr machte ich dann eine Umschulung im Bereich Lager, Versand, Verkauf und Handel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war noch nicht so alt, um in Rente gehen zu k\u00f6nnen und machte eine kaufm\u00e4nnische Weiterbildung. In der Schule hing irgendwann ein Plakat an der T\u00fcr: Treuhand sucht Mitarbeiter und ich habe mich beworben. Aus dem anf\u00e4nglich befristeten Jahresvertrag wurden dann mehr als zehn, bis zu meiner Rente. Dort war ich im Bereich Liegenschaften besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fabriken wurden ja leer gemacht. Da waren wir nicht dabei. Alles wurde noch ausger\u00e4umt. Wo das hingefahren wurde, wei\u00df ich nicht. Wo \u00fcberhaupt das ganze Zeug gelandet ist \u2013 die Masse an Garderobenschr\u00e4nken. Wir waren ja \u00fcber 300 Frauen in der Schirmfabrik. Der Speisesaal war ja voller Tische und St\u00fchle \u2013 das war ja alles da. Ich wei\u00df nicht, wo das gelandet ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es war alles weg, es ist alles verfallen. Das war schade &#8211; doch. Vor allem, wenn man so lange hier gearbeitet hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war ja auch ein wenig unheimlich. Die B\u00e4ume wuchsen aus dem Dach heraus. Meine Schwester wohnt noch oben im Elternhaus in Adorf und ich bin stets hier vorbeigefahren. Und jedes Mal, was wird denn aus der Fabrik noch werden? 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