{"id":1282,"date":"2022-11-28T15:05:05","date_gmt":"2022-11-28T15:05:05","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1282"},"modified":"2024-05-07T09:49:41","modified_gmt":"2024-05-07T09:49:41","slug":"keinen-plan-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1282","title":{"rendered":"Keinen Plan mehr"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auf dem Sozialistischen Wirtschaftsgebiet war die Messe f\u00fcr uns sehr erfolgreich, zumal unsere Staatliche Auflage 1989 voll mit Auftr\u00e4gen untersetzt werden konnte, wenn man die vorbereiteten Vertr\u00e4ge mit einbezieht. Es zeichnete sich weiter ab, dass der Bedarf der sozialistischen L\u00e4nder in Schirmen und an Schirmgestellen nicht voll befriedigt werden kann. Das betrifft besonders die L\u00e4nder \u010cSSR, Polen und Ungarn, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass auch 1990 keine Absatzprobleme eintreten werden. <\/em><sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Wir haben immer gesagt, wir sind die einzige Schirmfabrik. Man braucht doch immer einen Schirm. Wir h\u00e4tten nie gedacht, dass es dem Ende zugeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren der tr\u00fcgerischen Meinung, weil wir die einzige Schirmfabrik sind, wir werden in irgendeiner Form bestehen bleiben. Wir hatten gehofft, zu \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir sind der Meinung, dass Sie in dem jetzigen Gebiet der DDR und in den osteurop\u00e4ischen Staaten auch in Zukunft gute Marktchancen haben, wenn Sie mit unserem Marketing-, Verkaufs- und Produkt-Know-How eine schlagkr\u00e4ftige Verkaufsorganisation in dem Gebiet der DDR und in Osteuropa aufbauen. <\/em><sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/made_in.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1284\" style=\"width:500px\" srcset=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/made_in.jpg 1000w, https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/made_in-300x225.jpg 300w, https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/made_in-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Flyer Chemnitzer Schirm GmbH, 1990<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit der Wende, 90, ging es dann schon los, dass wir den Absatz nicht hatten. Es wurden welche entlassen, manche gingen in den Vorruhestand. Dann hie\u00df es, die Schirme am Lager, die schon produziert wurden, was machen wir damit? Einer machte den Vorschlag, man k\u00f6nnte doch die Schirme verschenken. Da haben aber die Arbeiter gesagt: Nein, das gibt\u2019s nicht, die Schirme werden verkauft. Wir verkauften unsere Schirme an St\u00e4nden in Siegmar, im Zentrum, \u00fcberall. Das war noch mal ein rei\u00dfender Absatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im April 1990 beschloss man Sonderverk\u00e4ufe durchzuf\u00fchren. Ab 18.4.90 wurden neue Verkaufspreise festgelegt. In Chemnitz auf dem Br\u00fchl hatte die Schirmfabrik einen Verkaufskiosk. Ich glaube es waren 2 Kolleginnen, die dort verkauften. Ein anderer Mitarbeiter fuhr mit PKW und Schirmen durch die Republik. Zur Absegnung seiner T\u00e4tigkeiten war ich einen Tag mit ihm in Pulsnitz und Bischofswerda. Wir waren bei Schirmreparateuren und Konsum-Textill\u00e4den. Mit gelagerten Musterschirmen, auch mit tschechischen Aufdrucken, bin ich mit einer Kollegin zu Lederwarengesch\u00e4ften gefahren. Es wurde damals alles gekauft. Einige H\u00e4ndler kamen in die Firma und wollten noch mehr Schirme.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben alle versucht, das Beste zu geben, um nicht negativ aufzufallen. Dass auch keiner sagt, Du machst sowieso nichts mehr, Du kannst nach Hause gehen. Wir hatten keinen Plan mehr. Wir haben gemacht, was wir geschafft haben. Es hat niemand gesagt, Du musst soundso viel bringen. Es hat niemanden mehr interessiert. Die Abnahme durch die L\u00e4nder ist abgebrochen. Im Lager hat es sich gestapelt. Ein paar von uns haben dann noch Schirme verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Frau M. aus dem Versand bin ich drau\u00dfen rum gefahren. Vorher habe ich die Gesch\u00e4fte ermittelt, wo wir zuvor schon immer hingeliefert haben. Wir hatten das Auto voller Schirme gepackt, alle Sorten und haben versucht, diese zu verkaufen. Alles was wir im Lager hatten, haben wir auch verkauft. Wir haben das ganze Erzgebirge abgefahren, bis Dresden, \u00fcberall hin. Hauptschlager waren Stockschirme, die gingen sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Sch. und einige Andere waren dabei. Wir sind mit dem Auto bis nach B\u00e4renstein gefahren. Wir waren in den Ortschaften und sind in die Betriebe, die noch bestanden und haben unsere Schirme verkauft, damit wir so viel wie m\u00f6glich los bekommen und noch ein paar Pfennige daf\u00fcr erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele bei uns im Versand sind noch mit dem Auto rum gefahren und haben mit verkauft. Wir sind bis in die TU nach Dresden gefahren. Es brach ja pl\u00f6tzlich alles weg. Es ging mit der W\u00e4hrung nicht mehr. Wie h\u00e4tten wir denn unsere Schirme verkaufen sollen? Die Tschechen und Ungarn hatten ja keine D-Mark.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ausgehend von der Erkenntnis, dass \u00fcber 90% der verkauften Schirme in der BRD Billigimporte sind und unter diesem Aspekt die einheimische Schirmindustrie bis auf einen Betrieb diesen Preiswettbewerb nicht standhalten konnte, sehen wir unsere Chance zum \u00dcberleben darin, mit dieser Firma Kooperationsbeziehungen aufzubauen und \u00fcber einen Lizenzvertrag Schirme zu produzieren und unter einem weltweit bekannten Namen zu verkaufen. <\/em><sup>3<\/sup><br><br>Ein Mitarbeiter der Firma Kortenbach und Rauh hat sich das alles hier angeschaut. Eine Woche blieb er und wir kamen ins Gespr\u00e4ch. Er meinte, es w\u00e4re v\u00f6llig aussichtslos, denn keiner produziert mehr \u00fcber drei Etagen. Wir hatten ja auch noch Heftmaschinen aus Kaisers Zeiten, Mittelalter sozusagen. Nie h\u00e4tten wir mit jemanden in Konkurrenz treten k\u00f6nnen. Das hat er uns schnell klar gemacht. Er hat gesagt, der Bau ist steinalt, die Transportwege nicht aktuell, der Maschinenpark veraltet. An dem gesamten Geb\u00e4ude h\u00e4tten sie keinerlei Interesse. Es k\u00f6nnten aber welche mit zu ihnen kommen, sie suchten Arbeitskr\u00e4fte. Uns war dann klar, was passiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aufgrund der Situation scheint es unabwendbar, dass Sie die Einzelteilfertigung und die Galvanik schlie\u00dfen. Wir w\u00fcrden empfehlen, dass Sie ihre Gestellmontage und Konfektion in einem Betriebsteil konzentrieren. Dies f\u00fchrt zu der Konsequenz, die \u00fcbrigen beiden Werkteile zu schlie\u00dfen. Zum \u00dcberleben und Erhalten von wenigstens 3-400 Arbeitspl\u00e4tzen erscheint uns jedoch diese Ma\u00dfnahme unbedingt erforderlich. Erfahrungsgem\u00e4\u00df werden Sie daf\u00fcr ein halbes bis ein Jahr ben\u00f6tigen. <\/em><sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Das erste was aufgel\u00f6st wurde, war die Galvanik auf der Ritterstrasse in Chemnitz. Die Stanzerei und Metallurgie in Siegmar gab es auch nicht mehr. Nur die Verwaltung in Siegmar blieb erstmal bestehen. Wir haben die Schirmgestelle von unserem Kooperationspartner, der Fa. Kortenbach und Rauh aus Solingen, bekommen. Die wurden nach Adorf geliefert, wo die Konfektion noch lief. Alles andere war schon tot.<br><br><em>Zur Vermeidung der Kosten bei der Sanierung des Geb\u00e4udes Werk I und Heizung ist davon auszugehen, dass unter Ber\u00fccksichtigung des Wegfalls der Metallgrundfertigung und der Galvanik die Montage wie bisher im Werk II und die Endproduktion und der Vertrieb im Werk III erfolgen. Damit gelingt es, weitere Kosten zu sparen, wobei \u00dcberlegungen angestellt werden, dass die k\u00fcnftige [Chemnitzer Schirm] GmbH ihren Sitz in Adorf hat. <\/em><sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Eure Galvanik taugt nichts mehr, die ist f\u00fcr die Umwelt nicht gut und ihr d\u00fcrft im Prinzip keine Gestelle mehr herstellen. Das wurde uns mitgeteilt. Das war ein kapitalistischer Schachzug. Ich hatte zwar noch das Gl\u00fcck, weiter arbeiten zu d\u00fcrfen. Obwohl, na ja man hat den Tag so hingebracht. Viele technologische \u00c4nderungen gab es das letzte halbe\/dreiviertel Jahr nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren auch andere Interessenten da, wie die Fr. Gr\u00f6nlinger aus Wuppertal. Die waren an unserem Markenzeichen interessiert, weil sie selbst keines hatten. Das war eigentlich das beste Angebot. Aber nachdem der Begriff \u201eKnirps\u201c fiel, ist der ehemalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Chemnitzer Schirm GmbH schwach geworden und hat einen Joint Venture Vertrag mit der Fr. Kortenbach und Rauh unterzeichnet. Knirps haben wir aber gar nicht gekriegt, sondern Kobold.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ausgehend von der Erkenntnis, ab 01. Juli 1990 modische Erzeugnisse anbieten zu m\u00fcssen, werden auf der Grundlage der Kooperation mit einer Firma in der BRD ab 15.5.90 unserem Betrieb Fertigungseinrichtungen zur Produktion der Lizenzerzeugnisse \u00fcbergeben. [\u2026] Vom Lizenzpartner erhalten wir die von uns geforderte Menge an Einzelteilen zur Fertigung der Lizenzerzeugnisse<\/em>. <sup>6<\/sup><br><em><br><\/em>Da ging es doch schon los, wir sollten Maschinen von unserem Vertragspartner geliefert bekommen. Der LKW war aber nach zwei Tagen immer noch nicht da. Die Maschinen die dann kamen, waren Schrottdinger. Die haben das bewusst boykottiert. Die wollten uns t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die haben uns dann ihre primitiven Einrichtungen geschickt, wo wir technologisch viel weiter waren. Wir hatten schon an den Vorrichtungen eine Pneumatik, da haben die uns mit Handhebel und so einem Zeug abgefertigt und gedacht, wir m\u00fcssten erstmal die Arbeit erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Taschenschirm Kobold hat Kortenbach und Rauh hier 1990 konfektionieren lassen. F\u00fcr die waren wir billige gute Arbeitskr\u00e4fte. Die haben uns ihre Gestelle geliefert und wir denen dann die fertigen Schirme.<br><br><em>Beim Besuch von Vertretern unserer Firma in Solingen kam die unbefriedigende Situation im PR-Bereich zur Sprache. Aufgrund der ver\u00e4nderten Bedingungen durch Bildung einer Kapitalgesellschaft, des ver\u00e4nderten Firmennamens und des fast neues Erzeugnisprofils ist professionelle \u00d6ffentlichkeitsarbeit dringender denn je. <\/em><sup>7<\/sup><br><br>Es gab auch noch ein neues Prospekt, eher ein Faltblatt. Vorder- und R\u00fcckseite mit Informationen unseres neuen \u201eSelbstverst\u00e4ndnisses\u201c. Aufgeklappt war es ca. A3 gro\u00df und diente gleichzeitig als Plakat. In gro\u00dfen Lettern stand \u201eDie Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion hat sie m\u00f6glich gemacht: Schirme \u2013 Made in Germany.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unser Taschenschirm ist der Kobold. Die Weltmarke mit dem zweitgr\u00f6\u00dften Bekanntheitsgrad. Wir kooperieren mit der Fa. Kortenbach und Rauh. Aus dem Solinger Qualit\u00e4tswerk erhalten wir nicht nur die hochwertigen Gestellteile, sondern auch die notwendige Marketingunterst\u00fctzung mit einer Vielzahl von Aktivit\u00e4ten, die den Bekanntheitsgrad noch weiter steigern wird. <\/em><sup>8<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Kortenbach und Rauh hatten 100 Besch\u00e4ftigte, die Schirmfabrik knapp 700 Besch\u00e4ftigte. F\u00fcr die waren wir eine riesige Bedrohung. Eigentlich hatten sie kein Interesse auf eine Kooperation. April\/Mai 1990 wurden Kollegen und ich nach Solingen eingeladen. Als ich durch die Firma lief und feststellte, dort hinten ist Knirps und&nbsp; n\u00e4her gehen wollte, aber nicht durfte, dachte ich, irgendwas l\u00e4uft hier falsch. Sind wir nicht Kooperationspartner?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">1-7 S\u00e4chsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz , 31086 VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt<br>8 Werbeflyer Chemnitzer Schirm GmbH<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Sozialistischen Wirtschaftsgebiet war die Messe f\u00fcr uns sehr erfolgreich, zumal unsere Staatliche Auflage 1989 voll mit Auftr\u00e4gen untersetzt werden konnte, wenn man die vorbereiteten Vertr\u00e4ge mit einbezieht. Es zeichnete sich weiter ab, dass der Bedarf der sozialistischen L\u00e4nder in Schirmen und an Schirmgestellen nicht voll befriedigt werden kann. 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