{"id":1179,"date":"2022-10-03T10:13:07","date_gmt":"2022-10-03T10:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1179"},"modified":"2026-02-24T14:50:31","modified_gmt":"2026-02-24T14:50:31","slug":"kollektiv-eine-unter-gleichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/adorferfrauen.de\/?p=1179","title":{"rendered":"Kollektiv: Eine unter Gleichen"},"content":{"rendered":"\n<p>Also, es war im Prinzip durch die Leistung der einzelnen Kollegen so errechnet, das wir 8500 Schirme am Tag machen konnten. Setzte nat\u00fcrlich voraus, dass jeder Maximalleistung brachte und das alles Material vorhanden war, was wir gebraucht haben. Damit war die St\u00fcckzahl m\u00f6glich. Es gab aber auch Probleme, wie in jedem anderen Betrieb auch.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p><em>&#8222;Seit Anfang des neuen Planjahres steht das Betriebskollektiv des VEB Spezialschirmfabrik im harten Ringen um die Planerf\u00fcllung. Deshalb gefiel es den Werkt\u00e4tigen durchaus nicht, dass in den ersten Wochen bedingt durch den hohen Krankenstand, Planschulden entstanden. Allein durch die Schneekatatrophe am Freitag, dem 6.M\u00e4rz, fiel die Produktion von rund 3000 Schirmen aus, weil die aus den umliegenden Orten kommenden Frauen nicht am Arbeitsplatz erscheinen konnten.&#8220; <\/em><sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten jeden Tag Meisterbesprechung. Da wurde zum Beispiel auch besprochen, wer wo wegen Krankheit fehlte und ob nicht einer meiner Lehrlinge aushelfen k\u00f6nnte. So wurden sie dann in die Produktion integriert. Sie konnten zwar noch nicht so schnell arbeiten, aber mindestens genau so gut, wie die anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten ein Brett mit einem Bogen Papier. Wir notierten darauf den Name der Kollegin und den Arbeitsgang. Es wurde die Zeit aufgeschrieben. Zum Beispiel wenn Schirmstabspitzen angesteckt und geheftet wurden, wurde fortlaufend die Differenz abgelesen. Nun ist es ja so, wer arbeitet denn zu 100%. Zur Normung zu sagen, ich mach jetzt 100%, dass ist fast ein Unding.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Am Band sehe ich ein schlankes, rotblondes M\u00e4dchen mit lustigen Sommersprossen. Sie n\u00e4ht Bez\u00fcge. 220 St\u00fcck t\u00e4glich sind die Norm, sagt B. Sprie\u00dfer. Ich versuche, mehr zu schaffen. Auf 225 bis 230 komme ich.&#8220; <sup>2<\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorgaben f\u00fcr Auftr\u00e4ge kamen aus Siegmar. Je nach Gr\u00f6\u00dfe des Auftrages habe ich z.B. sechs bis acht Rollen Seide mit einem Wagen aus dem Seidenlager geholt und zum Schwei\u00dfen bzw. zum Zuschnitt rausgeschafft. Man wusste dann schon wie viel Rollen man ungef\u00e4hr f\u00fcr 1000 Schirme ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube 860m Stoff befanden sich auf einer Rolle. Die Stoffbahnen mussten auf den Tisch aufgezogen werden. 7m hin und 7m zur\u00fcck, bis die Rolle alle war. Das waren 120 Auflagen, die eigentlich akkurat aufeinander liegen mussten. Die Dreiecke wurden mittels Schablone aufgezeichnet und anschlie\u00dfend mit einer Handschneidemaschine aus den 120 \u00fcbereinander liegenden Lagen geschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Etwa zwei Millionen Quadratmeter Schirmseide, ein hochwertiges Polyestergewebe, werden j\u00e4hrlich im VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt zu 2,4 Millionen Regenschirmen verarbeitet.&#8220; <sup>3<\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager befanden sich Gestelle, H\u00fcllen, Tr\u00e4ger, Kronenringe, Schirmstabspitzen, Druckkn\u00f6pfe und Federn. Alles Kleinteile, die zum Schirm geh\u00f6rten. Wenn zum Beispiel ein Auftrag \u00fcber 800 Damenschirme kam, wusste ich, da kommen neben den 800 Gestellen, 800 H\u00fcllen, 800 Tr\u00e4ger etc. in die daf\u00fcr vorgesehenen Kisten. Diese wurden dann vom Transporteur ans Band geliefert und dort verarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>In allen vier Werkteilen des VEB Schirmfabrik \u2013 darunter auch in Adorf \u2013 erhielten vorgestern die Werkt\u00e4tigen an ihrem Arbeitsplatz ein kleines Pr\u00e4sent \u00fcberreicht, auf dem zu lesen stand \u201ePlansilvester 1977\u201c. [\u2026]Gegen\u00fcber dem Vorjahr wurden 55 000 Minimatik mehr produziert und auch die Verpflichtung im Gegenplan, 7000 Taschenschirme zus\u00e4tzlich herzustellen, wurde bis 27. Dezember eingehalten.&#8220;  <sup>4<\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Teile kamen vom Zuschnitt runter in 60er P\u00e4ckeln. Vorne die Bandeinlegerin \u00f6ffnete diese und legte P\u00e4ckeln zu je 15 in einen neuen Kasten. An denen waren Bons befestigt, was dann sp\u00e4ter unser Geld war. Die K\u00e4sten liefen auf einem Transportumlaufband. Wenn ich mit einem Kasten fertig war, schob ich diesen wieder aufs Band und holte mir einen neuen. Und so ging das immer weiter. Gen\u00e4ht, gen\u00e4ht, gen\u00e4ht, wieder drauf gesetzt und immer meinen Bon f\u00fcr die 15 Bez\u00fcge abgemacht. Das war mein Lohn, der abends bzw. am Monatsende z\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn neuer Zwirn angesetzt wurde, stimmte mitunter das Nahtbild nicht mehr. Der Zwirn war sehr unterschiedlich. Wenn die Frauen langsam gen\u00e4ht haben, ging das vielleicht. Aber alle haben bis zur vollen Auslastung in die Maschine rein getreten. Und dann kam es schon vor, dass der Faden riss. Und es dauerte, bis dieser dann wieder in die \u00dcberwendlingsmaschine eingef\u00e4delt war. Das waren Verluste f\u00fcr die Frauen, weil sie ja in Leistung gearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>1950 begann in Karl-Marx-Stadt die Schirmproduktion. 13800 St\u00fcck wurden in einem Jahr gefertigt. Heute, wo die Zweimillionen-Grenze erreicht wurde, da ist das die Produktion von rund eineinhalb Produktionsjahren. Wir kennen unsere Aufgaben, sagt uns Genosse Stange. Als Produzent von Konsumg\u00fctern stellen uns die Beschl\u00fcsse des VIII.Parteitages gro\u00dfe Aufgaben. Bis zum 31. Juli konnten wir unsere staatlichen Aufgaben erf\u00fcllen beziehungsweise \u00fcbererf\u00fcllen. Unser Ziel ist, in diesem Jahr 5000 Schirme zus\u00e4tzlich zu produzieren, aber auch f\u00fcr 125 000 Mark Ersatzteile. Die Lohnkosten f\u00fcr 1500 zus\u00e4tzlich produzierte Schirme \u00fcberwiesen die Werkt\u00e4tigen unseres Betriebes auf das Konto beim Postscheckamt Leipzig zugunsten der Mitfinanzierung des Karl-Marx-Monumentes.&#8220; <sup>5<\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"710\" src=\"https:\/\/adorferfrauen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/tagebuch.gif.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-1181\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wiederholte Einsichtnahme (Ausschnitt), 2022<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">1-5 Zitate aus Zeitungsartikeln \u00fcber den VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt. Frau Munzert sammelte Belege in einem Ordner im Zeitraum von 1967-1989. Es finden sich unzureichende Hinweise auf Herausgeber, Autor und Datum. Ersichtliche K\u00fcrzel wie FP, NBI oder ADN lassen R\u00fcckschl\u00fcsse auf Zeitungen\/Zeitschriften zu: <em>Freie Presse, Neue Berliner Illustrierte, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst,<\/em> aber auch Artikel aus <em>F\u00fcr Dich<\/em> und der kombinatsinternen Zeitung <em>Solidor<\/em> sind dokumentiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also, es war im Prinzip durch die Leistung der einzelnen Kollegen so errechnet, das wir 8500 Schirme am Tag machen konnten. Setzte nat\u00fcrlich voraus, dass jeder Maximalleistung brachte und das alles Material vorhanden war, was wir gebraucht haben. Damit war die St\u00fcckzahl m\u00f6glich. 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